Bergbraugerste 2018, Part II: Goldene Felder, feine Cullas & der Himmel auf Erden

Bergbraugerste 2018, Part II: Goldene Felder, feine Cullas & der Himmel auf Erden

Um im Falle eines Falles wenigstens aktuelle Bilder des Jahrgangs 2018 der Bergbraugerstenfelder in Ftan zu haben, besuche ich aufs Gratwohl das malerische Dörfchen. Mal sehen, ob Andrea Stuppan auf seinem Hof zufällig anzutreffen ist.

Am Mittwoch, den 19. September, pedale ich auf Quölli dem Inn entlang Richtung Ftan. Von Zernez aus. Und erlebe endlich ein Velowunder. Genauso nämlich müssen Velowege in den Bergen sein: durch Feld und Wald dem Fluss entlang und später abseits der Hauptstrasse mit Postkartenpanorama. Teilweise Teersträsslein, teilweise Feldwege, immer gut beschildert. Geht doch, das mit dem unabhängigen Veloverkehrsnetz. Nur einmal auf der Rückfahrt werde ich durch einen einheimischen Volltubel mit seinem leeren Heuwagen fast abgeschossen, der das Gefühl hat, die Strasse gehöre ihm und nicht irgendeinem Touristen aus dem Unterland. Er wich partout nicht aus, geschweige denn, dass er seine wilde Fahrt abgebremst hätte. War ziemlich gefährlich, dessen Manöver, obwohl wir problemlos aneinander vorbei gekommen wären! Puh!

Ein Traum: Der Panorama-Velo- und Wanderweg hoch über dem Inn.

Bis auf diesen dummen Vorfall gehts friedlich durch malerische Dörfer wie das Schellen-Ursli-Guarda oder Ardez; hoch nach Ftan auf rund 1650 m.ü.M. Bei der Einfahrt ins Dorf entdecke ich ein wunderschönes Braugerstenfeld. Es gehört Andreja Peer, den ich dann später beim Dreschen kennenlernen werde. Zack, abzweigen Richtung Paradies (ein Hotel) und neben der alten Mühle Ftan parkieren, um ein paar Fotos zu machen.

Das 60 Aren kleine, aber schöne Braugerstenfeld von Andreja Peer, etwa auf Dorfhöhe, also rund 1650 m.ü.M.

Altweibersommer. Himmel-auf-Erden-Himmel. Goldene Schweizer Bio-Bergbraugerste. Postkartenhimmel. Weisswolkensuperblauhimmel. Ist doch grossartig, dass die Brauerei Locher die einheimische Produktion in Europas höchstgelegenen Gerstenanbaugebieten unterstützt. Und ebenso, dass es solche Tage gibt. Weiter gehts ins Dorf auf der Suche nach Andrea Stuppans Hof. Schön, die bemalten Häuser. Kurioseste Fabelwesen treibens bunt an den Hauswänden hier oben. Ein Einheimischer zeigt auf ein Dach und Quölli trägt mich schnurstracks vor den Hof. Stall leer, die Hühner im Hinterhof habens saugut, scheinen sich vögeliwohl zu fühlen.

Ich versuchs vorn beim Wohnhaus. Türe sperrangelweit offen. Neben dem Eingang stapelt sich die Post. Ich bin an der richtigen Adresse. Eine Klingel seh ich nicht. Ich rufe hinein: «Hallo! Isch öpper do?» Keine Regung. Es ist halb Zwölf. Also anrufen. «Hoi, Andrea. Ich sitze bei dir auf der Treppe.» – «Ah, bisch do, wart, i chum grad abe.» Er war also immer da, hat mich nicht gehört. Widerwillig an den Computer gefesselt, muss er die Eingaben für die Flächen machen: «Ist unser Lohn, die Viehzucht rentiert ja kaum.»

Im Moment haben grad mehrere seiner Rinder (danach sinds dann keine Rinder mehr) und Kühe schon gekalbert oder sind kurz davor. Andrea Stuppan rechnet vor, dass ihn die Aufzucht eines Kalbes pro Jahr eintausend Franken kostet. Soeben hat er ein dreijähriges Rind für 3650 Franken verkauft. Gewinn: 650 Franken. Nicht gerade üppig. Mit 4’500 Franken wäre er zufrieden. Die Preise sind im Moment im Keller, die Flächeneingaben also existenziell. Andrea muss dafür an den ungeliebten Computer. Schwerstarbeit für – laut Cilgia Florineth von der Mühle – einen der besten Traktorfahrer der Region: «Elf-Fingersystem: zehn Finger suchen die Tasten, einer tippt.» Wenn er nicht muss, lässt er diese Finger weit weg vom Computer. Er liest zwar hereinkommende Mails, antwortet aber nicht. «Nie!», sagt er kurz und trocken. Auch SMS bleiben unbeantwortet. Aber er liest sie. Und wenns wichtig ist, telefoniert er.

In der Bildmitte Andrea Stuppans Braugerstenfeld, dahinter das Dorf Ftan.
Im Hintergrund der Hof der Familie Andrea, Mengia und Burtel Stuppan; vorne das 40 Aren kleine Bergbraugerstenfeld auf rund 1700 m.ü. Meer.

Dass ich nun auch noch Zmittag bekomme, war nicht beabsichtigt. Aber nein sage ich sicher nicht, denn ein wenig knurrt der Magen schon nach dem Getrampel bis hier hoch. Damits auch denen wieder mal gesagt sei, die ein E-Bike für ein Töffli halten: Ein Töffli fährt mit Benzin und ohne Körpereinsatz. Quölli hingegen ist ein Velo und fährt nur, wenn man pedalt und das kann auch ordli in die Beine gehen.

Man kann nicht Öpfel mit Bire vergleichen – ein E-Bike ist kein Töffli: Quölli vor der Stuppanschen Mistpyramide. Nicht nur Burtel ist am Mistausbringen, überall wird bschüttet und zettlet an diesem güldenen Herbsttag.

Nachdem Sohn Burtel mit dem Traktor vom Mistausbringen zurück ist, steigen wir im Wohnhaus nach oben. Mengia und deren Mutter haben Cullas gekocht. Die konnten mich natürlich in der Küche auch nicht hören. Eine Riesenbüez sei es, dieses einheimische Kartoffelgericht zuzubereiten. Schmeckt hervorragend und bringt die nötigen Pedalkalorien für die Rückfahrt. Warum denn in die Ferne schweifen: Als unverhoffter Gast lebe ich im bündnerischen Ftan besser als Gott in Frankreich, wie man so schön sagt. Und bekomme viele Geschichten zu hören, die bezeugen: Das Leben in den Bergen ist hart, aber auch schön.

Cullas: ein wunderbares, einheimisches Gericht aus Kartoffeln, Speck, Engadiner Wurst, Mehl und Käse.

Immerzu gibt es Arbeit. Die Milchkühe kennen keine Ferien. Und der Winter kennt keine Gnade. Andrea Stuppan will in nächster Zeit – wie viele andere Schweizer Bauern derzeit auch – auf Mutterkuhhaltung umstellen. In der Hoffnung, dass Burtel in einigen Jahren den Hof übernimmt. Dazu muss die lawinensicher gebaute Stallfestung allerdings umgebaut werden, was eine knifflige und kostspielige Sache sei. In der Vergangenheit wurde Ftan 1682 und 1720 von Lawinen zerstört. Lang ists her. Aber eben: Das wahre Wesen der Klimaerwärmung sei ja die Zunahme der Wetterextreme, was in diesem trutzig-steilen Gelände sehr starke Auswirkungen haben wird. Und wenn wir an den Bergsturz von Bondo denken, wo die Fachleute sich erst mal fragten, wo das ganze Wasser hergekommen war, wissen wir: Man kann nie wissen, die Natur ist trotz genialer Menschentechnik unberechenbar. Ob dieses Ereignis allerdings mit dem Klimawandel und dem Schmelzen des Permafrosts im Berginnern zu tun hat, bleibt ungewiss.

Knifflige Aufgabe, den lawinenfesten Stall für Mutterkuhhaltung einzurichten. Welche Wirkung Mengias Bild auf die Kühe hat, wurde nicht weiter erforscht.

Das Wandgemälde im Stall hat Mengia vor vielen Jahren direkt auf den Beton gemalt. Über der 40 Zentimeter dicken Stalldecke lagern Tonnen von Heu. Dieses Jahr sei es allerdings nicht bis unter das Dach gefüllt wie sonst. Der trockene Sommer. Er schneide nur zweimal pro Jahr, sagt Andrea. Wenn es nicht bis in den Frühling reiche, müsse er halt ein Rind verkaufen. Man wird sehen.

Zwei von Andrea Stuppans Rinder am Hang über dem Braugerstenfeld; ein Tier müsste trächtig sein, aber fragt mich nicht, welches.

Später belehrt mich die 81-jährige Hadwig, es sei früher schon so gewesen, dass die Bauern mal auf Milch, dann wieder auf Fleisch gesetzt hätten. Das komme und gehe in Wellen. Hm. Aber wahrscheinlich war der Warenwert noch selten so wirklichkeitsfremd verzerrt. Ist schon absurd, wievielen Widersprüchen einer der grundlegendsten Berufe für unsere Ernährung ausgesetzt ist. Und wie zerstörerisch die Geiz-ist-geil-Preisdrückerei und andere Misswirtschaften sich auswirken. Am Ende werden wir wohl alle unsere Wurzeln in einer öden Hors-sol-Nährlösung abhängen lassen. Geschmacksnerven brauchen wir dann keine mehr. Und gesunde Böden auch nicht. Ein Jammer wär das.

Wandmalerei in Guarda: Hoffen wir, dass das Traumpaar Adam und Eva nie endgültig aus dem Bergparadies vertrieben wird. Etwas angegriffen wirken sie schon.

In Anbetracht all der langweiligen klimatisierten Käfighaltung-Jobs im städtischen Kernraum, wo angeblich schon mehr als 85% der Schweizer*innen leben, bin ich mir jedenfalls sicher, dass das Erholungsgebiet Engadin Zukunft hat. Ausser man zerballert alles mit Schnellgeld-Ballermann-Tourismus. Das Negativvorbild Ischgl auf der österreichischen Seite ist nicht weit (Ftan habe sich 1652 von Österreich losgekauft, zum Glück, gell). Laut der «Zeit» wird im tiroler Wintersportort «in den Wintermonaten gigantisch gefeiert und hemmungslos getrunken, dort befindet sich der sogenannte Ballermann der Alpen.» Aber eben: Der Hellste ist er halt trotz all seiner tollen Erfindungen nicht, der Mensch. So weiss man nie, wofür er sich unter Worthülsen wie Nachhaltigkeit und so weiter entscheidet. Und die fatalste aller Ausreden: Die Leute wollen das.

Mengia verkauft im Winter an der Talstation des Liftes die Produkte ihres Hofs, Trockenwürste und so weiter. Die Direktvermarktung betreibt sie schon lange auf diese Weise. Würde sie ihre Produkte im lokalen Volg verkaufen, müsste sie 30% für die Kommission abziehen, was sich nicht lohnte. Sie wünscht sich eine Klebetikette mit einem Bild des Hofes und dem Spruch: Salüds da Famiglia Stuppan. Ich werde mich darum kümmern.

So öppis könnts werden. Allerdings findet Andrea, das Foto müsste eher von der Vorderseite des Stalls kommen. 
Von hier aus wirkt der Hof schon freundlicher als von der Wetterseite. Und man sieht noch einen Zipfel Bergbraugerste. Und ein bisschen mehr der beeindruckenden Landschaft darfs auch sein. Auch wenn der Hof auf 50 x 75 mm etwas sehr klein herauskommt.

Obwohl es Andrea in seinen elf Computerfingern juckt, führt er mich noch im Hof herum. Wir klettern auch auf den Heustock. War ich wohl als Kind zum letzten Mal, in so einem Heustock, bei Verwandten in Ebnat Kappel. Um die dort oben neugeborenen Kätzchen zu sehen, die der Bauer kurz darauf umgebracht hat. Wieder unten bemerkt Andrea noch, wie steinig der Boden sei, auf dem seine Braugerste wächst. Obwohl er einen Riesenhaufen Steine herausgeholt habe, sei das Feld voll davon. «Und darunter hatte es Kaliber, die man mit dem Traktor rausholen musste», betont Burtel.

Mit dem Versprechen, dass er mich nicht zu informieren vergisst, wenn der Dreschtermin feststeht, verabschiede ich mich von Andrea, um ein paar Bilder der Braugerste und vom Hof (für die Etiketten) zu schiessen. Am Samstag darauf ist Alpabfahrt.

Sammelplatz des Fremdviehs, das von ausserhalb auf die Alp gebracht wurde. Sie werden mit Lastwagen nach Hause geführt.

Demnächst: Bergbraugerste 2018, Part III: Hejo, lass den Drescher an!

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