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Ausserrhodentliches Sächsilüüte 2024: «Züri brännt – so geil!» – Der Rest ist lauthals schallendes Grinsen.

Weltbürger-Impressionen des in Züri heimischen Ausserrhödler Quöllfrisch-Bloggers vor Ort.

Das Leben ist kein Hochglanzprospekt, wiederhole ich bekanntlich immer. Nun präsentiert der Kanton Ausserrhoden als Gastkanton am Zürcher Sechseläuten seine Hochglanzseiten. Als wär dort oben alles eitel Trachtenpracht und Frohsinn. Und immer herrscht allerschönstes Instagram-Wetter. (Ha! Hier gehts zum Quöllfrisch unterwegs-Beitrag «Choge schöni Wüeschti am Freitag, dem 13ten 2023».)

Der offizielle Trailer zum ausserrhodentlichen Sechseläuten 2024.

Natürlich, das Appenzellerleben ist ja ein einziges Fest, jahrein, jahraus. Habe ich wohl verlernt im zwinglianischen Zürich. Den Beweis liefert der Ausserrhodentliche Werbespot fürs diesjährige Sechseläuten, wo eine Zürcher Joggingwandertouristin zwischen Brauchtumsprotagonisten zweimal «Züri brännt – so geil!» ruft. Und sauglatt aus dem Off behauptets: «Mer händ s Bruchtum, Zöri de Bögg.» – Hm. So habe ich das Appenzellerland noch nie gesehen, in der brauchtumslosen Dauerfesthütte Zürich. (Mittlerweile lief noch der Zürich-Marathon über den Strassenteer.)

Der Lindenplatz – Treffpunkt der Welt

Zürich, früher Freitagnachmittag, 12. April 2024. Schon von der Strehlgasse leuchten – eher grell, als geil – die «Sönd Willkomm»-Fotoplachen unter dem kalauernden Motto «Ausserrhodentlich» über dem Eingang zum Lindenhof, einem der würkli schönen alten Zürcher Pärke mitten in der Stadt. Mit alten Linden, jedenfalls ausgewachsenen, während in der Stadt zumeist ja eher kümmerliche Zweige versuchen, sich zu Bäumen auszuwachsen. In der Europa-Allee soll es zudem noch stinken, weil man aus Versehen die Ginkgos falsch gegendert habe (TA, 13.4.24): Wegen dieser Bäume stinkt es an der Europaallee bald nach ranziger Butter. Eigentlich sollten nur männliche Ginkgos den Boulevard beim Hauptbahnhof säumen. Jetzt entpuppen sich einige als weiblich, deren Samen einen markanten Geruch verströmen.

Zwinglitown at it’s best: Aussicht auf Grossmünster und Limmat.

Auf dem Lindenplatz wird seit Jahren Schach und Pétanque gespielt, Touristen aus aller Welt fötelen sich und das Grossmünster ennet dem Fluss, Einheimische und Expats lunchen in der Idylle. Viel Englisch, viel Globaltourismus. Bis auf die Chügeler läuft rund um die Zelte und Stände alles rund um die Zelte, Festbänke und Stände des Gastkantons Appenzell Ausserrhoden alles wie gewohnt.

Sechseläuten – Tradition als fröhliche Mittelalterfantasie

Das Sechseläuten – manche nennen es auch «Bonzen-Fasnacht» – findet immer am dritten Montag im April statt. Der fällt dieses Jahr auf die Mitte des Monats, den 15ten. Aber eigentlich beginnt das Fest schon am Freitagabend und dauert das ganze Wochenende, mit dem allbekannten Höhepunkt, bei dem mittelalterlich gekleidete Reiter nachmittelalterlich wieder erfundener Zünfte den Holzhaufen mit dem brennenden Bögg in Endlosschlaufe umrunden, während Politiker:innen und diverse Cervelat-Prominenz mehr oder weniger Interessantes in Mikrofone sprechen. Dass der Brauch nicht so alt ist, wie er tut, und sogar trendy mit der Zeit gehe, schreibt die NZZ vom 5.4.24:

Auch der Böögg geht mit der Zeit. Aus der einfachen Strohpuppe von einst ist mittlerweile ein Hightech-Ding geworden. Er thront auf einem zehn Meter hohen und sieben Meter breiten Holzhaufen, der aus rund 4500 Holzbürdeli aufgeschichtet ist. Die Bürdeli werden aus dem Holz der Stadtzürcher Alleebäume gebunden. [Ah, da gehen sie hin, die armen Bäume!] Zum Böögg selber: Er ist 3 Meter 40 gross, 80 Kilogramm schwer, und der Kopf hat einen Umfang von 1 Meter 80. Und, der Mann ist hochexplosiv: In seinem Körper verbergen sich rund hundert sogenannte Kracher, Böller und Donnerschläge, die dafür sorgen, dass die Verbrennung auch akustisch ein Erlebnis wird. Je schneller der Kopf des Bööggs explodiert, desto rascher beginnt der Sommer, sagt man. 

Auch die Brunnenfigur auf dem Lindenplatz ist erfundenes Mittelalter – wie das Sechseläuten: Hedwig ab Burghalden steht für die Wehrhaftigkeit der Zürcherinnen im Jahr 1292. Über ihre Person ist so gut wie nichts bekannt, einzig eine Brunnenfigur von Gustav Siber aus dem Jahr 1912 erinnert an sie. (Wikipedia)

NZZ-Interview mit dem Historiker Valentin Groebner (13.4.24), verortet dieser viele «uralte» Traditionen im langen 19. Jahrhundert: Das moderne Sechseläuten entsteht zur selben Zeit wie die Bundesfeier auf der Rütliwiese am 1. August und der Umzugzum Tag der Arbeit am 1. Mai. Was war damals los, dass soviele Feste erfunden wurden?Solche Anlässe sind Einladungen, Identifikationsangebote: Wo gehörst du hin? Damals formierten sich die politischen Zugehörigkeiten neu – mit Auswirkungen bis heute. Wenn man öffentliche Feste, Rituale, unsere ganze politische Symbolik anschaut, leben wir in einem sehr langen 19. Jahrhundert. Ganz viel, was in der Schweiz unseren Alltag prägt, beruht auf Modernisierungsschüben aus dieser Zeit: die Eisenbahn, Elektrizität, Trinkwasser, Kanalisation, ja sogar der Nationalstaat. – Der Brauch feiere eine Vergangenheit, die es so gar nie gegeben hat. Jo, heitere Fahne, was kommt da noch?!

Chopfab-Bier, kopflose Stadtheilige & explodierender Bööggegrind

Zuerst fällt mir am Freitag das viele Schwarz der auffällig vielen Chopfab-Zapfstellen auf. Der Zufall will es, dass die Winterthurer Brauerei ja eben erst von der Brauerei Locher gerettet wurde. Diese ist aber seit Jahren schon am Sechseläuten vertreten. Logisch, eigentlich: Höhepunkt der Bööggverbrennung ist ja die Explosion des Kopfs.

Chopfab hat seit Jahren einen Biervertrag mit dem Sechseläuten – logo, der explodierende Böggenkopf gilt ja als sommerschmöckender Höhepunkt.

Zudem passt das Chopfab-Bier auch zu den Zürcher Stadtheiligen Felix und Regula (und Exuperantius), die es ja seit Zwinglis Ratz-Fatz-Radikal-Ausmistete eigentlich gar nicht mehr gibt (drum sind sie jetzt sogenannte Stadtpatrone) und die ihre Köpfe je nach Darstellung unter dem Arm oder auf Händen, jedenfalls nicht mehr auf dem Hals, tragen.

ZürichWasserkirche : Älteste bekannte Darstellung der Stadtheiligen Felix und Regula. Stuttgarter Passionale aus dem Jahr 1130. Die Enthaupteten sollen ihre Häupter in die Hände genommen und vierzig Schritte getragen haben, wo sie nun ruhen.

Aber so ganz darf das Appenzeller Bier nicht fehlen, Ausserrhoden hin oder her.

Ganz links wird Appenzeller Bier serviert, wie das nächste Foto beweist.

Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren

Mein Fest ist das Sechseläuten nicht. Ich meide den Massenauflauf wie die Streetparade. Darum besuche ich den Ausserrhoder Auftritt am Freitagnachmittag, während den Aufbauarbeiten und am frühen Samstagnachmittag, wo man mir dann auch sagt, am Freitagabend sei die Hölle los gewesen. Pumpenvoll, alles.

Die Wege des Digitalen sind unergründlich: Diverse beschädigte Fotos, weiss der Knipsteufel, warum.

Und dann wieder ein Digitalproblem: Viele Fotos vom Freitag erscheinen nur auf der Kamera richtig, werden aber nach der Übertragung mit Lesefehler gar nicht oder nur mit Graufläche angezeigt. Schade, hätte ein paar schöne Bilder drunter gehabt. Aber ebe: Das Leben ist kein Hochglanzprospekt, mer nämeds, wies chunt.

Auf dem Platz gibt es einige kleine Holzhüttenstände mit Ausserrhoder Produkten, während in einem Zelt Kunsthandwerk, Talerschwingen und Tourismusfilme präsentiert werden, auf dem auch der Heidener Kirchturm vorkommt, neben dem ich aufgewachsen bin. Allerdings hat ihn der Heimat- und Denkmalschutz aus meiner Sicht mit dem schier unsichtbaren Weiss des ursprünglichen Zifferblatt verhunzt.

Auch hier wird ein «unverfälschter» Ursprung wieder hergestellt, der einst aufgrund der eingeschränkten Sichtbarkeit verändert wurde: Mein Kindheitsparadies-Zifferblatt war tiefblau mit goldenen Zeigern und weitherum sichtbar (was ja eigentlich der Sinn einer Kirchturmuhr ist). Was also soll jetzt an der späten Neuschöpfung des vermeintlichen «Originals» richtig bzw. falsch sein? Auch im Internet gibts nur noch die Weisszifferblatt-Version.

Vertrieben aus dem Kindheitsparadies – meine Menschwerdungsuhr am Kirchturm von Heiden war Blau mit goldenen Ziffern.

Ein nachträglich gefundes Foto straft meine Erinnerung Lügen und ich muss mich fragen: War das Zifferblatt gar nie blau? Oder wurde es erst blau gemalt? Oder betrifft meine Erinnerung eine ganz andere Kirchturmuhr? Jedenfalls sah die Uhr aufgrund meines wohl vergessenen Wissens nie so aus wie auf dem Foto, muss aber wohl während meiner Schulzeit so gewesen sein (wie trügerisch die Erinnerung sein kann, gibt mir natürlich jetzt erst recht zu denken! Bin ich überhaupt in Heiden aufgewachsen? Woher kommt das blau-goldene Zifferblatt in meinem Kopfbild? War es möglicherweise zwischenzeitlich so? Gspässig, gspässig! Und würkli so ein undefinierbares Vanille-Senfgelb? – Hier gehts zur Auswahl der evangelischen Kirchgemeinde Heiden.):

Während ich dies schreibe, fällt Schnee mit zwischenzeitlichem Sonnendurchbruch und es ist kalt. Aber am Sechseläutenwochenende war Sommer, Temperaturen um die 25 Grad. Die inzwischen üblichen Wetterkapriolen. Am Freitagnachmittag laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren.

Karin Ammann und Lebenspartner Hansjörg beim Feinschliff der Standeinrichtung in Nachbarschaft der Weissküferei.

In der Ecke erkenne ich Karin Amman und ihre Bilder, über die ich im Beitrag «En Senn het ke Uhr a!» berichtete. Sie hat die Etiketten von Bschorle und Appenzeller Glühbier gestaltet. Daneben zeigt der Chüeli- und Brauchtumsschnitzer Frick seine Werke.

Ob der Bär auch aus Urnäsch kommt? – Der Chüeli- und Brauchstumsschnitzer Sämi Frick (l.) und Sattler Niklaus Frehner (r.).
Situationsbezogene Schnitzkunst von Sämi Frick; es seien einige Bestellungen eingegangen. Noch denkwürdiger wird der diesjährige Anlass angesichts des historischen Nichtanzündens bzw. der Züglete ins Appenzellerland.
Sattler Niklaus Frehner.
Von den Appenzeller Bögg-Schlüsselanhängern hat er eindeutig zuwenige gefertigt; aber ich nehme an, auch er nimmt Bestellungen auf.

Ausserrhoden nicht gleich Innerrhoden? – Welten trennen den von St. Gallen umschlossenen Fünfliber im Chueflade in zweimal Zweifüfg!

Es sei ein reines Tourismusproblem, die Farce mit Ausserrhoden bzw. Innerrhoden, meint Sämi Frick, als ich wieder einmal drauf verweise, dass es eben doch noch nicht vorbei sei, mit dem ursprünglich religionsbedingten Halbkantönligeist. Irgendwie nagt wahrscheinlich immer der Wurm an den Ausserroder:innen, dass der namengebende Hauptort zu Innerrhoden gehört, was den ortsfremden Touristen einfach nicht einleuchten will. Sieht aus wie Appenzell, riecht wie Appenzell, lebt wie Appenzell, ist aber einmal Ausser- und einmal Innerrhoden. Fundamentaler Unterschied. Würden beide zusammenarbeiten, hiesse das wohl Kommunismus!

Die Welt zu Gast bei Freunden: Touristen-Hotspot Lindenplatz.

Die beiden Tourismusbüros hätten tatsächlich schon einmal zusammengearbeitet und sich dann wieder aufgesplittet. Alles wegen dem lieben Geld. Dem schnöden Mammon. Dem Chlütter. Heisst es. Tatsächlich gugusele ich zwei fast identische Quöllbisch-was-Bärepfifeli-Websites: Die eine heisst appenzellerland.ch, die andere appenzell.ch. Bei beiden hängt oben rechts das Appenzellerland-Logo, dazu steht appenzell.ch. Do söll no äne drus cho, gell. Erklär da mol emene Japaner! Sogar emene Spanier chäm da chinesisch vor! Aber vielleicht könnte man Herisau umbennen in Appenzell AR, wobei man dann eben parallel die Innerrhoder Welthauptstadt in Appenzell AI umtaufen müsste, dann hätten beide ihr «richtiges» Appenzell und könnten ab sofort am gleichen Strick ziehen, oder?! – Einmal mehr denke ich, wie deppert wir Menschen doch sind. Wir sägen gerne und mit flottem Geschwafel an Ästen, auf denen wir hocken.

Gemischte Impressionen mit Happy Open End

Als ich am Samstag kurz vor Mittag auf dem Lindenhof eintreffe, ist der Festbetrieb schon süferli angelaufen. In den Linden zwitschern die Vögel, zwischen den Linden zirkuliert die Leuchtbrettchen-vor-dem-Kopf-Gesellschaft mit auffällig vielen Hunden und natürlich unzähligen Kinderwagen. Einer davon mit goldenem Gestell. Der erinnert mich an eine Frau die vor dem Kaufleuten leuchtbrettelte; was wie ein Kinderwagen aussah, war ein reiner Hundewagen mit allem drum und dran fürs beste Freundlein des Menschen. – Es riecht nach Grill und Sommerfrische.

Powernap unter Freunden. Leuchtbrettchen-Saison ist das ganze Jahr.

Im grossen Hauptzelt wird gegessen und getrunken, während auf der Bühne das Trio Anderscht mit zwei Hackbrettern und Stehbass ihre Version von Weltmusik zum Besten gibt. Mal traditionell und unverfälscht, mal jazzig, dann wieder Astor Piazzolla-Tango. Deep Purples Montreux-Stampfer «Smoke On The Water» läuft dabei unter Heavy Metal. Die einzigen, die in diesen frühen Stunden schon tanzen, sind die Kellner:innen zwischen Tisch und Bank. Neben den Tourismusfilmen üben sich Kinder fachmännisch instruiert im Talerschwingen, der Dolder-Fotobot knipst auf der roten Appenzellerland-Bank Schnappschüsse mit Säntis und Bär. Hier einige Bilder:

Am Samstag vor dem grossen Ansturm.
Sämi Frick war früher Landwirt, arbeitete dann 13 Jahre im Reka-Feriendorf Urnäsch, weshalb ihn nun immer noch viel Zürcher:innen kennen. Auch in Innerrhoden habe er viele Freunde.
Gspässige Appezeller Bläss!
So sieht ein echter Bläss aus!

Der Film «Züri brännt nöd!» – So geil!

Chopfhoch statt Chopfab: Der Böögg entkommt mit erhobenem Haupt dem Feuer – oha, gen Heiden! Usgrächnet!

Montag, 15.4.24, 19 Uhr: Statt chopfab behauptet sich der Bögg chopfhoch. Da steht er stolz und unversehrt mit seiner AR-Fliege und beschlagenen Appenzeller Hosenträgern – nun soll der Zürcher Bögg im Appenzellerland verbrannt werden.

Dass das Anzünden des Bööggs dann vom Winde verweht wird, steht bis Montag, 15. April 2024, Punkt Sächsi, noch in den Sternen. Auch später können es viele im zahlreich erschienen Publikum nicht glauben. – Wir werden sehen, was das für ein Sommer wird… jedenfalls gab es kein weiteres «Züri brännt». So geil!

Der Böögg wird nun am 22. Juni 2024 mit kleinerem Feuer auf dem Henry-Dunant-Platz in Heiden verbrannt. So geil! – Welches Bier werden wir dort wohl zu trinken bekommen?

Tages Anzeiger, 22.4.24: Am 22. Juni wird der Böögg verbrannt

NZZ, 22.4.24: In der Stadt Zürich durfte der Böögg nicht brennen – jetzt geht er am 22. Juni nach Appenzell Ausserrhoden ins Exil

Blick, 22.4.24: Nach Absage am Sechseläuten: Böögg wird am 22. Juni in Heiden AR verbrannt

Hier gehts zum Quöllfrisch unterwegs-Beitrag «Der Hochstammhimmel hängt voller Bschorle», in dem ich auf Quölli über Heiden nach Wolfhalden fräse und mir ein paar Bemerkungen nicht verkneifen kann.

Hier gehts zum Quöllfrisch unterwegs-Beitrag «Traditionelles Gelb wird bei Sylvia Bühler auch mal zu Grün oder Blau» aus Heiden.

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