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«Fascht wie bi ös» – Appenzeller Bier im Mittelpunkt der Schweiz

Auf holprigen Strassen gelangt das Appenzeller Bier in den Mittelpunkt der Schweiz und erfreut sich in dieser Region immer grösserer Beliebtheit. Ein Reisebericht.

Liebe Leser*innen, vielleicht habt ihr just in diesem Augenblick ein kühles Appenzeller Bier in der Hand oder neben euch stehen. Habt ihr euch schon gefragt, was es braucht, bis ihr euer Lieblingsbier geniessen könnt? Also, bis es wirklich im Glas ist, das neben euch steht? Da gibt es die Brauer*innen und Biermenschen in Appenzell, die mit viel Herzblut und Liebe zur Natur und zum Appenzellerland die Biersorten aushecken und herstellen. Die Appenzeller-Bier-Kette enthält allerdings viele weitere Glieder. Das Zusammenspiel genau dieser Glieder führt dazu, dass auch an abgelegen, spektakulären Orten in der ganzen Schweiz Appenzeller Bier getrunken werden kann. Marie-Louise («MaLou») vom Marketing und ich waren einer solchen Kette auf der Spur und haben den Weg vom Appenzeller Bier zum Mittelpunkt der Schweiz verfolgt. Einmal mehr haben wir einen Prachtstag erwischt.*

Egal, wie weitläufig und stotzig die Region ist: Appenzeller Bier findet seinen Weg

Eine zentrale Rolle in der Bier-Lieferkette spielt der/die Aussendienstmitarbeitende. Im vorliegenden Fall ist das Bruno Christen. Sein Gebiet umfasst Nid- und Obwalden, das Berner Oberland, die Stadt Luzern und das Entlebuch. Bruno ist in seiner Region für den Kontakt zu den Gastrobetrieben zuständig – zu denjenigen, die bereits Gerstensaft aus Appenzell im Sortiment haben, aber auch zu potenziellen Neukunden. Die Gegend bringt es mit sich, dass a) Brunos Arbeitsorte weit auseinander liegen und b) Bruno oft in bergigen Regionen unterwegs ist. So auch an diesem Tag, aber dazu später mehr. «Viele meiner Kunden sind Bergrestaurants und ganz, ganz weit ab vom Schuss. Eine Stunde Haarnadelkurven den Berg hoch und danach wieder runter, das mache ich höchstens einmal im Jahr», so Bruno. Dafür nimmt er sich an diesem Tag auch länger Zeit für den Kunden. Die Termine mit den SAC-Hütten werden in die Wintersaison gelegt, «wenn die Wirte unten im Tal sind».

Bruno begleitet MaLou und mich den ganzen Tag, zeigt uns «seine» Region, stellt uns den Interviewpartner*innen vor und vor allem: Er fährt uns hoch auf die Aelggialp, wofür wir ihm wirklich dankbar sind. Bevor es so weit ist, statten wir dem Depositär einen Besuch ab – eine weitere wichtige Station des Appenzeller Biers.

Biermarken-Tattoos und schweizerische Biere

Denn Bier, das wissen wir, wird karton- oder harassweise bestellt und gekauft. Oder fassweise, wenn wir bei den Gastrobetrieben bleiben. Diese Behälter brauchen Platz. Und Bruno fährt sie nicht persönlich von Appenzell zu den Wirten. Für die Zwischenlagerung ist eben ein Depositär verantwortlich. Das ist meistens ein Getränkehändler in der Region. In unserem Beispiel ist es der Familienbetrieb «Omlin Getränke» in Sachseln. Seit 100 Jahren ist das Geschäft in Familienbesitz und der Laden versprüht so viel Retro-Charme, dass uns ganz warm wird ums Herz. Momentan findet die Übergabe von der dritten Generation (Trudy) zur vierten (Bruno, ist schiint‘s ein häufiger Name in der Innerschweiz) statt. Seit 2008 führen Omlins Appenzeller Bier in ihrem Sortiment. Der Laden ist klein, die Konkurrenz gross. Omlins hoffen, dass die Feste und Anlässe in der Region bald wieder «wie früher» durchgeführt werden. Da wird nämlich auch in der Innerschweiz viel Bier getrunken, meistens Appenzeller Bier. Der Grund für die steigende Beliebtheit des Ostschweizers in der Innerschweiz ist, dass Appenzeller Bier eines der letzten «richtig schweizerischen» Biere ist (Trudy Omlin), seit der Verkauf von Eichhof manch einem Innerschweizer Bierfan das Herz gebrochen und das Eichhörnli-Tattoo versaut hat. Denn, das erzählt uns Bruno (Christen), darin seien sich Eichhof- und Quöllfrisch-Fans ähnlich: Die Bierliebe geht bei ganz vielen buchstäblich «unter die Haut».

Über rumplige Strecken zur Ausschanktheke

Nochmals zu unserer Lieferkette: Bruno Christen pflegt die Kontakte zu den Gastrobetrieben. Die Gastrobetriebe bestellen Appenzeller Bier beim Getränkehändler. Die Brauerei in Appenzell produziert Appenzeller Bier und schickt die bestellte Menge auf die Reise zum…: Getränkehändler/Depositär! Dieser ist danach für die Auslieferung zu den verschiedenen Restaurants, Bars, Beizen, Cafés und so weiter zuständig. Auf die Aelggialp wird das Appenzeller Bier in einem alten Pickup von Omlins gefahren.

Und jetzt kommt der abenteuerlichste Moment unserer Reise. Bruno fährt los Richtung Aelggialp. Es geht hoch, es holpert, ruckelt und rüttelt und wir werden das Bier bestimmt nicht gleich öffnen, wenn wir oben ankommen. Ich stelle mir auf der Fahrt vor, wie es früher war, als die Waren noch nicht mit Autos transportiert wurden und drifte kurz ab in eine romantisch verklärte Vorstellung von Maultieren, langen Fussmärschen und Entschleunigung. Auch die Brauerei Locher liefert manchmal mit Maultieren oder Pferden an.

Die Kamera ruhig zu halten war unmöglich…

Nach 25 Minuten Geholper kommen wir oben an. Den Moment habe ich mir spektakulärer vorgestellt (aus dem Wald, um eine Kurve und man sieht: Weite) als er ist (aus dem Wald, um die Kurve, man sieht: einen Parkplatz), aber kaum gehen wir ein paar Schritte vom Parkplatz weg, zieht mich der Ort in seinen Bann. Auf der Ebene stehen um eine Kapelle 6-7 Alphütten, der Kamm zur Frutt ist vermeintlich nahe, die Bergwiesen noch satt grün, das Spätsommerlicht zauberhaft weich. Es ist ruhig, fernab von allem. Hier, inmitten dieser Idylle, liegt er: der geografische Mittelpunkt der Schweiz.

Tatü, tataaa, das Bier ist da!

Standhaft im Mittelpunkt

Das Berggasthaus Aelggialp wird seit zwei Jahren geführt von Margrit Odermatt, es liegt 1650 M.ü.M., bietet 80 Aussen-, 50 Innen- und 50 Schlafplätze. Die Stube ist einladend, zum gmögigen Verweilen locken Holzinventar, weiss-rot-karierte Vorhänge und ein Hirschgeweih an der Wand, ase schö! Die Saison dauert von Juni bis Oktober. Der Standort ist ebenso herausfordernd wie beeindruckend, pragmatische Lösungen sind gefragt. So bringt der Getränkelieferant (siehe oben) auch mal die Wäsche aus der Wäscherei aus dem Tal mit nach oben, es gibt keine Stromleitungen, noch immer sorgt ein Generator für Licht und Strom. Dennoch besticht das Gasthaus mit seinem urigen und gemütlichen Charme. Und mit Appenzeller Bier. Ausgeschenkt werden Quöllfrisch naturtrüb und hell («die Favoriten»), Zitronen-Panaché und Sonnwendlig.

Die Nase in der Sonne, geniessen wir ein herbstliches Mittagessen (juhui, Wildzeit!) und führen das Gespräch mit der Wirtin.

Die Ob- und Nidwaldner*innen sind übrigens mindestens genauso «herzlich verfeindet» wie die Appenzeller Inner- und Ausserrhoder*innen. Und die Dialekte mindestens genauso weit auseinander, dass Auswärtige den Unterschied nicht hören. Bzw. ihn hören, aber beim Dialekte-Tippspiel jedes Mal daneben liegen. «Isch e chlii wie bi ös», meint MaLou.

Natürlich werden ausgewählte Appenzeller Biere in den Mittelpunkt der Schweiz gestellt und fotografiert. Die Social-Media-Kanäle sollen ja auch vom Ausflug profitieren. Und dann machen wir uns auf den Heimweg. Zunächst mit Bruno holprig nach Sachseln, danach zu zweit mit viel Zeit im Stau zurück nach Appenzell.

Hier geht es zu den Interviews mit Bruno Christen, Omlin Getränke und der Wirtin vom Berggasthaus Aelggialp.

*Letztes Jahr waren MaLou und ich in der «Heimat» unterwegs. Lies hier, wie der Ausflug auf die Ebenalp war.

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