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5 Tonnen Traum, 4 Tonnen Hoffung, 3 Tonnen Wirklichkeit – Braugerstenernte bei Paulin Pfister, Waltensburg/Vuorz

Quöllfrisch unterwegs in der Surselva GR

Paulin Pfister vom Biohof Demvitg in Waltensburg/Vuorz drescht sein Braugerstenfeld am 29. August 2022. Mit Quölli strample ich vom Bahnhof hoch zum Hof am Dorfrand und danach hinter dem Drescher her zum auf 1200 M.ü.M gelegenen Braugerstenfeld. Mit einem KI-Nachwort in Bildern.

Once Upon A Time in Graubünden

Idyllischer Bahnhof mit Quölli, Bahnlinie und Stromleitung.

9:41 Uhr, Waltensburg an. Halt auf Verlangen. Ich wuchte Quölli aus dem Wagen, dessen Haken natürlich wieder zu schmal waren. Irgendwie ist mal wieder Once-Upon-A-Time-In-Graubünden-Feeling. Weit und breit kein Dorf. Ein Bahnhof aus dunkel gebeiztem Holz, idyllisch zwar, mit roten Fensterläde und Verzierungen, aber trotz PW davor irgendwie gottverlassen. Gestrandet in der Pampa. Den Gleisen entlang die Masten einer Starkstromleitung. Der Platz um den Bahnhof geteert, der Rest ein mit aufgefüllten Pfützenlöchern übersäter Kiesplatz, umsäumt von einem Randsteinlager (wahrscheinlich Billigstein aus China statt einheimischer Bündner Qualität) und einem Häuschen mit Garten, bei dem grad ein Auto parkt. Die Hauptstrasse weiter entfernt, ennet dem Bach. Ich blinzle in die Sonne und schwinge mich in den Sattel.

Auf der Hauptstrasse rechts runter bis zur Abzweigung und dann gehts in Serpetinen richtig steil das Loch hoch. Die Steilheit wird beim Rückweg so richtig deutlich, als Quölli trotz motorbremsendem Recup auf Höchststufe 5 noch mit 43,5 km/h den Berg runtergaloppiert und zwei bis drei Prozentchen Batterieladung zurückgewinnt.

Der Steilheitsbeweis auf dem Rückweg: Trotz Recup (Wiederaufladung der Batterie beim Downhill) auf Höchststufe blocht mit einem 43er den Berg runter.

Und es ist wie immer im flächengrössten, aber dünnstbesiedelten Kanton Graubünden: Alles sieht nah beieinander aus, es kann sich aber ziehen, bis man dann von A nach B ist. Oder in diesem Fall von B wie Bahnhof nach B wie Biohof. Aber bis 11 Uhr, wenn Paulin mit Dreschen beginnen will, bleibt genug Zeit. Obwohl die Sonne scheint, ist das Wetter schon merklich herbstlicher. Das merken wir später auch auf dem Feld, das noch von Morgentau durchfeuchtet ist. Auch sind die Nächte kürzer und kühler geworden.

Hätte die Gemeinde hier Pussy Riots Anti-Kriegs-Graffiti mit Kilometerangabe bis zum Krieg wie im bernischen Köniz BE auch als Schmiererei entfernt oder hätte sie es als Erinnerungs-Kunstwerk bewahrt?

Wiederholt werde ich daran erinnert, dass wir uns in der Surselva befinden und ich Unterländer-Depp muss wieder mal auf Wikipedia nachguguselen, was genau zur Surselva gehört: Die 2016 gegründete Region Surselva – räumlich identisch mit dem 2001 gebildeten Bezirk Surselva – umfasst u. a. neben dem Haupttal die rechten Seitentäler Val MedelVal Sumvitgdie Val LumneziaValser Tal und Safiental. Besonders für den romanischsprachigen Teil der Surselva ist auf Deutsch auch der Name Bündner Oberland gebräuchlich. So verhält sich das also mit Region und Bezirk Surselva.

Biohof Demvitg mit 24h-Selbstbedienungs-Hofladen

Paulin und Janine auf dem Platz, wo Drescher und Traktor mit Dreschbalken schon bereit stehen. Im Hintergrund das Haus der Eltern Fluri und Floor.

Beim Hof angelangt, fallen mir – nebst Paulin mit Frau Janine und dem vierjährigen Fionn, die sich auf dem Platz unterhalten – zuerst die munter rumzwirbelnden und tschilpenden Spatzen auf. Paulin und Janine haben den Hof 2015 von Paulins Eltern übernommen, die ebenfalls noch tüchtig mithelfen.

Auf die Frage, ob auf der Anreise alles gut gelaufen sei, muss ich mal wieder loswerden, dass der Selbstverlad von Velos bei der SBB seit Jahren schon teilweise problematisch bis ärgerlich sei und sich durch die Pandemie und die Zunahme der Bike-Zugreisenden noch verschärft hat. Entweder passen die Haken nicht. Oder es hat keinen Platz. Aufhängehydrauliken wären hilfreich. Manchmal auch mehr Veloplätze, also Spezialwagen oder flexibel umrüstbare. Unklar, ob Reservationspflicht oder nicht. Und und und. Nichts wurde verbessert, Status Quo seit Jahren. Trotz anders lautenden Hochglanzprospekten. Aber das Leben ist ja – wie ich immer wieder betone – kein Hochglanzprospekt.

Da käme ich grad recht, meint Paulin, um 17 Uhr richteten sie einen Apéro für SBB-Kaderleute aus. Wenn ich dann noch hier sei, könne ich es direkt loswerden. Das lassen wir aber schön bleiben. Wegen dem Apéro habe er das Dreschen so früh angesetzt. Zu früh, wie sich herausstellen wird. Aber er habe Janine versprochen, rechtzeitig zum Apéro zurück zu sein. Das klappt locker. Um 15 Uhr ist alles erledigt.

Fionn studiert zwar Quölli, ist sich aber jetzt schon an weit grössere Maschinen gewöhnt.

Kurz nach Ankunft, erhält Paulin einen Anruf. Ihn habe ich bekanntlich beim Flurgang von Gran Alpin in Ilanz getroffen (hier gehts zum Quöllfrisch unterwegs-Beitrag Vom Flurgang bei Ueli und Robert Giger zum fehlenden «P» bei «Flugmaschinenfabrik»). Es geht um die Futtermaisballen, die hinter ihm auf dem tiefer gelegenen Platz gestapelt sind. Janine ist irgendwohin ins Unsichtbare verschwunden. Also spaziere ich ein wenig auf dem Hof herum. Natürlich steht auch der verwaschen rote Drescher schon einsatzbereit da. Oben ohne. Keine Kabine. Ein Laverda-Cabrio. Sieht ganz ähnlich aus, wie der im Val Lumnezia (hier gehts zum Quöllfrisch unterwegs-Beitrag Der wunderbare Bio-Bergbraugersten-Jahrgang 2019 des Flurin Zinsli). Gleiche Marke, aber einiges schmaler. Er habe die Maschine dieses Jahr zusammen mit einem Kollegen gekauft. Trotzdem weiss Paulin noch nicht, ob er die teilweise sehr engen Stellen auf dem Weg bis zu seinem Feld problemlos passieren kann. Es wird die Weltpremierenfahrt sein. Daneben wartet der Traktor mit Dreschbalken-Anhänger auf seinen Einsatz. Paulins Vater Fluri wird damit blinklichternd und wegsichernd voraus fahren.

Der werkelt im Moment noch in der Garage unter Paulins und Janines Haus herum. Ich folgere, dass die Velofahrerin, die mir kurz vor dem Hof entgegenkam, wohl auch zur Familie gehören muss. Sie stellt sich als Paulins Mutter Floor (holländisch, ausgesprochen wie fleur, frz.) heraus. Obwohl längst eine Einheimische ist ihr holländischer Akzent unüberhörbar. Mich hat sie als Touristen eingestuft – ein Öko-Touri auf Stromvelo.

Glückliche Tiere versus Betonkopfbeamtismus

Ah, endlich mal wieder Schweine, die in der Erde wühlen können. Und trotzdem wirken sie total sauber. Sofort wird der Fremdling von den zwei Muttersauen und gefühlten fünfundzwanzig Ferkeln neugierig begrunzt.

Es handelt sich laut Biohof Demvitg-Website um Turopolje-Schweine, die ursprünglich aus Kroatien kommen, «wir haben sie aber von Scharans». Diese gibts auch im Zoo Zürich, der schreibt: Turopolje ist eine Region in der Nähe von Zagreb in Kroatien. Die lokale Schweinerasse wird in dieser Gegend seit mindestens 1352 gehalten und gezüchtet. Während des Kroatienkrieges von 1991 bis 1995 sind viele Turopolje-Schweine getötet worden und die Zucht kam praktisch zum Erliegen. Nur etwa 30 Tiere überlebten den Krieg, einige davon wurden zur Zucht nach Wien in den Tiergarten Schönbrunn gebracht. Aus dieser Zuchtlinie erhielt der Zoo Zürich 2010 ein Paar. Die Turopolje-Schweine ertragen grössere Kälte auf dem Zürichberg problemlos. Die Schweine sind auch in ihrer Heimat ganzjährig draussen auf Weiden und extensiv genutzten Flächen in Feuchtgebieten.

Bild im Hofladen: Drei Generationen der Familie Pfister und drei Tupolje-Schweine im Winnter.

Genau das, was mir gefällt – nämlich, dass den Schweinen buchstäblich sauwohl ist –, werde von Amts wegen kritisiert: Man verlange, dass er das Gelände betoniere! Da hauts mir doch das Blech weg! Betonköpfe von Amts wegen! Oben im Stall gibts ja mit Stroh bestreuten Betonboden. Da können sie rein und raus, wie es ihnen gefällt.

Egal, was Bürokratie und Politik vorschreiben (oder worüber wir abstimmen): Würdevolle und artgerechte Schweinehaltung braucht Erdboden, in den diese lustigen und intelligenten Tiere mit ihren rüssligen Schnauzen rumwühlen können. Auch wenn die Schweiz sich tierschützerisch vorbildlich nennt, bleibt dieses natürliche Grundverhalten vielen Schweinen verwehrt. Sie sehen ihr kurzes Leben lang keinen Krümel Erde. Und nun vernehme ich hier solchen Verhältnisblödsinn. Es gehe nämlich ums Grundwasser, das die Tiere so verunreinigen würden. Das glaubt doch keine Sau! Mir fehlen die Worte, ob solchem Gagaismus. Paulin überlegt darum, gar keine Schweine mehr zu halten. Traurig, traurig.

Nebst den Schweinen und vier Eseln hält Paulin Angus-Mutterkühe. Der aktuelle Stier Zamboni bringt über eine Tonne auf die Waage, 1250 Kilogramm genau. In Sachen Wolf zeigt sich Paulin eher gelassen. Zwei der Esel dienen dem Herdenschutz, während die andern zwei vor allem als Reitesel eingesetzt werden. Sie werden als Herdenschutz bei den Schafen gegen den Wolf eingesetzt. Wenn sich ein Wolf der Herde nähert, fangen sie an ganz laut zu schreien und der Wolf verschwindet wieder. Idealfall. 🙂, heisst es im Netz.

Fotos: Paulin Pfister, Biohof Demvitg

Die Angus-Mutterkühe sind im Moment auf der Alp (ca. Ende April bis Anfang November), aber im 24-Stunden-Selbstbedienungs-Hofladen hängt ein Bild, das ich ablichten kann (dasselbe finde ich dann noch im Netz, zwar nicht so gut aufgelöst, aber ohne störende Reflexe). Den Winter verbringen unsere Tiere in BTS-Ställe (Besonders  Tierfreundliche Stallhaltung). Das bedeutet, dass sie frei rumlaufen können, viel Platz haben, unter freien Himmel oder unter dem Dach stehen können, wie sie es wollen. Unsere Tiere bekommen nur das Futter, das auch bei uns auf dem Biohof wächst. Wir geben ihnen kein zugekauftes Soja oder Kraftfutter.

Ohne zugekauftes Kraftfutter gross und stark: Angus-Muni Zamboni mit seinen ganzen 1250 Kilogramm.

Auch die Bündner Oberländer-Schafe sind wahrscheinlich im Moment auf der Alp. Jedenfalls entdecke ich nur zwei tönerne Exemplare dieser Spezies, die unter der Tafel am Strassenrand rumhängen, die Hof und aktuelle Produkte anpreist.

Die einzigen zwei Bündner Schafe, die ich an diesem Tag erblicke, beim Warten auf Kundschaft.

Käse gibt es bei Mutterkuhhaltung natürlich keinen, dafür aber vakuumiertes Frischfleisch, Trockenwürste, Honig, Obst, Most, Gemüse, Kartoffeln und Glatsch-Glacé (hier gehts zum Quöllfrisch unterwegs-Beitrag «Diese Kuh gefällt mir einfach»). Man kann nur direkt vor Ort einkaufen und per Twint oder ins Barkässeli bezahlen. Es laufe ganz gut. Viele Touristen würden das Angebot nutzen. Das besprechen wir zwischen 15 und 16 Uhr, also nach getaner Arbeit bei einem Glatsch-Glacé aus dem Hofladen, bevor Paulin sich für den Apéro zurechtmachen muss. Aber jetzt gehts erst mal aufs Feld!

Weltpremiere mit Orange-Blinklicht

Fluri fährt mit Traktor, Balkenwagen und orangem Blinklicht voraus, dahinter zirkelt Paulin den Drescher durch die teilweise sehr schmalen stellen des langgezogenen Dorfes. Die Vorderräder sind grösser und liegen weiter auseinander als die hinteren. Ich mit Quölli hinterdrein, hin und wieder filmend oder knipsend. Rund zwei Kilometer ziehe sich das Dorf hin. Bei den drei Fahnen der Skigebiets-Talstation biegen wir nach links ab, überqueren eine schmale Brücke, die hält, und treffen beim Feld ein.

Lang und schmal liegt es da, Paulins Braugerstenfeld. Die Leitung liefere Strom nach Zürich.
Schön gereift, leider etwas kurze Halme und kleine Körner.

Paulin und Fluri montieren den Dreschbalken. Er sei mit drei Metern einen Meter schmaler als der des Dreschers im Val Lumnezia, den Flurin Zinsli immer noch teilweise steuert. Er wollte ja aus Zeitgründen aufhören, wie wir wissen. Die Halme sind eher kurz, bringen also wenig stroh. Und es schimmert ordentlich Unterbewuchs durch, also Grün, das die Feuchtigkeit der Ernte erhöht. Aber insgesamt ist das Feld eigentlich gelungen.

Nach einem ersten Feuchtigkeitstest in der Hälfte, beendet Paulin die erste Dreschrunde, stellt dann den Drescher am Feldrand ab und schlägt vor, jetzt essen zu gehen und am Nachmittag weiterzumachen. Stroh und Körner sind aufgrund des Morgentaus einfach noch zu feucht. Da machen zwei Stunden Sonne viel aus. Fluri hat inzwischen mit dem Traktor den Anhänger für die Ernte herangefahren. «Was ist los?», fragt er. Paulin erklärt es ihm beim Drehen einer Zigarette.

Mittagspause.

Vorzmittagsexkurs neben dem Drescher

Während wir nun zu dritt neben dem Drescher stehen, zeigt sich auf dem Dreschbalken ein grosser grüner Heugümper und Fluri sagt, dass es von diesen noch einige haben, während die braunen dieser Grösse zurückgegangen seien. Da ist sie wieder, die shifting baseline, von der ich glaube, dass sie viel wichtiger ist, als es uns jemals bewusst sein wird (hier gehts zum Quöllfrisch unterwegs-Beitrag Minnesang III: Schloss Hallwyl mit Schiffsrundfahrt auf dem Hallwilersee). Denn mit jeder Generation verschiebt sich auch die Erinnerung an Vergangenes. Wenn wir die Natur von heute mit früher vergleichen und Entscheidungen für eine unbekannte Zukunft treffen, fehlen uns entscheidende Bilder und Fakten. Einfach, weil wir sie gar nicht mehr kennen. Wohl mit ein Grund, dass wir Menschen wider besseren Wissens, flott weiter und weiter am Ast sägen, auf dem wir sitzen.

Dabei kommt mir wieder das empfehlenswerte, weil sackspannende Buch «Die Welt ohne uns» des Wissenschaftsjournalisten Alan Weisman in den Sinn. Neben vielen andern Sachen erlebt man darin auch die Anfänge des Kunstdüngers. Daran habe ich noch nie gedacht: der musste ja auch mal erst erfunden worden sein. Nämlich in England. Dabei entstanden auch das älteste Landwirtschaftsarchiv der Welt: Rothamsted Research (früher Rothamsted Experimental Station) umfasst «160 Jahre menschlicher Bemühungen, Pflanzen zu nutzen».

Als Vater der Düngemittelindustrie gilt zwar Justus von Liebig, derjenige mit dem Patent (1842) und dem grossen Geld aber hiess John Bennet Lawes. Dank Kunstdünger erheblich wohlhabend geworden, verkaufte Lawes sein erfolgreiches Kunstdüngerunternehmen und widmete sich ganz seinen Forschungen zur Bodenauslaugung fort. Er schien schon damals gemerkt zu haben, dass auch Kunstdünger seine Schattenseite hat. Sein Biograf zitiert ihn mit den Worten: «Jeder Landwirt, der glaubt, er könne mithilfe von ein paar Pfund einer chemischen Substanz ebenso gute Ernten erzielen wie mit ebensoviel Naturdung, irrt sich gewaltig.» Lawes riet jedem, der Gemüse und Gartenkräuter ziehen wollte, er solle sich «eine Gegend suchen, wo er zu erschwinglichen Preisen einen grossen Vorrat an Naturdung besorgen kann.» – Zum Glück, finde ich, gibt es also den Biohof Demvitg.

Für mich war beispielsweise auch ein Schock – ich konnte es nicht glauben, weil ich es mir nicht vorstellen konnte – zu erkennen, dass wir unsere gesamten Wasserläufe verändert haben und dass der heutige Wald, der zunehmend Probleme mit der Klimaerwärmung bekundet, keineswegs Natur ist, sondern ein Produkt künstlicher Forstwirtschaft. Das lernten wir in der Schule seltsamerweise nicht. Da galt der menschgemachte Wirtschafts-Wald mit all seinen Mythen und Rotkäppchen-Märchen als Natur pur. Tatsache ist: Seit längerer Zeit leben wir im Grunde längst in einem künstlich angelegten Park namens Schweiz. Ich bin ein parkgeborener Eidgenoss (shifting baseline).

Statt hunderte von Jahren alt werden zu können, schaffen die Bäume hierzulande laut WSL einen Bruchteil: Bei den üblichen Umtriebszeiten im Wirtschaftswald haben die Bäume erst etwa 25 bis 50% ihrer möglichen Lebenszeit hinter sich, wenn sie gefällt werden. Als ungefähre artenspezifische maximale Altersgrenzen gelten: Eiche 900 Jahre, Fichte, Föhre und Tanne 400 bis 600 Jahre, Bergahorn und Buche 500 Jahre und Lärche 800 Jahre. Gar respektable 1000 Jahre alt sind die ältesten europäischen Eiben, Linden und Arven. Im Bödmerenwald (Schwyz) wurden Fichten von maximal 484 Jahren gefunden, während in Scatlè (Graubünden) das Alter von Fichten auf circa 300 bis 650 Jahre geschätzt wurde.

Alte Bäume sind besonders reich an Baummikrohabitaten, denn Reichtum und Vielfalt von Baummikrohabitaten nehmen mit steigendem Alter eines Baumes stark zu. In Südschweden zum Beispiel hatten weniger als 1% der unter 100-jährigen Stieleichen (Quercus robur) Höhlen. Im Alter zwischen 200 und 300 Jahren wiesen 50% der Eichen Höhlen auf, wohingegen sämtliche Baume ab einem Alter von 400 Jahren grosse Baumhöhlen zeigten.

Wir diskutieren über die Massentierhaltungs-Initiative. Wir diskutieren auch über Spatzen, die zur Aufzucht ihrer Jungen Mücken brauchen. Weil die Spatzen ausradiert wurden, war ja Maos Spatzenkrieg so verheerend (hier gehts zum Quöllfrisch unterwegs-Beitrag Figugegl & Ährenschieben auf der Domaine Château du Crest). Im Moment hats natürlich keine Rehkitze mehr, aber es sei schon so, dass man sie auch in niederem Gras kaum entdecken könne, weil sie sich noch ducken.

Dazu in der NZZ (30. 8.22): Über 500 Rehkitze im Kanton Graubünden vor dem Mähtod gerettet. Mittels Drohnen und Wärmebildkameras können die im hohen Gras versteckten Jungtiere geortet werden. Junge Rehe sind im Frühling im hüfthohem Gras kaum zu sehen, es soll sie vor Feinden schützen. Nähert sich eine Gefahr, löst dies bei ihnen keinen Fluchtreflex aus – im Gegenteil. Ihr Instinkt sagt ihnen, sich möglichst flach auf den Boden zu legen und die Gefahr vorbeiziehen zu lassen. Mähmaschinen werden damit oft zur Todesfalle für die wenige Wochen alten Kitze.

So, jetz aber gnueg gschnuret, gömmer go ässe! Sonst ist Paulin um 17 Uhr nicht bereit für den SBB-Apéro. Quölli darf weiter hier oben seinen Bündner Alpenkräuterzmittag grasen.

Gemeinsamer Zmittag am Familientisch

Der ausgeprägte Familiensinn der Pfisters ist den ganzen Tag über deutlich spürbar. Alle helfen mit, den Alltag zu bestreiten. Da, wo sie gebraucht werden. Ohne viele Worte werden Fahrzeuge umrangiert, dahin wo sie gebraucht werden.

Als hätte er schon einen Bart: Alle helfen mit, den Laden zu schmeissen, keine Maschine zu gross für Fionn, den kleinsten Pfister.

Auch am Mittagstisch im Elternhaus ist dieser Geist spürbar. Floor ist die Küchenchefin. Es gibt eine Art Älplernudeln mit Kartoffeln, Apfelmus und Salat. Der Gast – er vergass vor lauter Gesprächen, sich zu bedanken – darf auf der Bank neben zwei leeren Teller Platz nehmen. Die sind für die beiden älteren Söhne Primus und Jeroen, die kurz darauf von der Schule eintrudeln. Es ist eine lebendige Tischrunde.

Fionn, in den Fussstapfen des Grossvaters.

Später sagt Fluri, er habe immer darauf geachtet, dass die Familie zusammen isst. Das sei ihm immer wichtig gewesen, da der Esstisch vieles zutage bringe, was sonst nicht zur Sprache käme. Nach dem Mittag gibts noch kurz Tränen und Gezeter, weil Fionn nicht mit dem Papi mitgehen darf. Wir sehen ihn dann später hinter dem Grossvater beim Nachmähen der langen Stoppeln. Auch Floor taucht irgendwann mit Primus und dem Hund auf, der nicht alt, sondern nur ein bisschen dick sei, um eine Runde zu drehen, während der alle sich bewegen, während Primus Kopfrechnen übt.

Zwei Stunden mehr Sonne hat sich gelohnt

Auf dem hohen Cabrio: Paulin Pfister startet nach dem Mittagessen durch.

So um 13 Uhr gehts auf dem Feld weiter. Die Pause hat sich gelohnt, Korn und Stroh fühlen sich klar trockener an. Für mich ist es natürlich sowieso super, dass das Dreschen nur bei schönem, in unserem Fall, superschönem Traumwetter stattfindet. Lassen wir die Bilder sprechen:

Paulin hoffte zu Beginn noch sehr optimistisch, wenn es fünf Tonnen würden, wäre es super. Er weiss: unrealistisch. Und geht runter auf vier Tonnen. Das ist angesichts der Tatsache, dass nach zwei Leerungen mit rund einer Tonne, nicht mehr so viel Ähren stehen, ebenfalls zu hoch gegriffen. Fluri schätzt, wahrscheinlich gebe es drei Tonnen, am Ende sind es 2, 9 Tonnen, bei einer Feuchtigkeit von 14,4%, also im grünen Bereich. Nach dem ersten Ausschwenken, das Paulin aufgrund einer zu schweissenden Bruchstelle von Hand zu bewerkstelligen hat, lässt er das Rohr zur Tankleerung ausgefahren. Es gibt ja keine Hindernisse, die es abwürgen könnten.

Job erledigt!

Quöllfrisch unterwegs – Drescher TV

Zum Abschluss noch ein Glatsch-Glacé im Hofladen

Paulin ist mit Herz und Seele Bio-Landwirt. Im Gegensatz zu anderen verfügt er aber auch über eine gesunde Gelassenheit. Gestresst wirkt er nie. Jedenfalls heute nicht. Er scheint gelernt zu haben, die Gegebenheiten so zu nehmen, wie sie kommen und daraus das Beste zu machen. Kein schlechtes Rezept, da im Bio-Anbau mehr Unsicherheiten bestehen, als in der sogenannt konventionellen, wenn nicht gar überholten Landwirtschaft. Ich stelle mir vor, wie er sich in einem Büro langweilen würde und muss lächeln. Das geht gar nicht.

In einem Interview nennt er seinen «wichtigen und erfüllenden» Beruf, die Arbeit in und mit der Natur «familienfreundlich, unsere drei Jungs geniessen es sehr und die Vielfältigkeit der Arbeiten ist gross – uns wird es also nie langweilig!». Das ist auf den Fotos zu sehen. Paulin ging beim bekannten Bergkartoffel-Produzenten Marcel Pfister in die Lehre und baut selber Kartoffeln an. Im obgenannten Interview spricht er auch über die Kartoffelernte: «Bei den Kartoffeln ist das Ernten eine aufwändige Arbeit da es noch Handarbeit fordert. Doch gerade das Sortieren der Kartoffeln auf dem Ernter ist eine spassige und gesellige Sache, bei der wir auf helfende Hände von Familie und Freunden zählen können.» Der Beruf als Bio-Landwirt ermögliche ihnen ein zufriedenes Leben in einem schönen Haus in dieser wunderbaren Berglandschaft. Was will man mehr?

Wunderbarer Veloweg am Rhein entlang nach Ilanz zum Quölli-Selbstverlad

Wie schon erwähnt, merke ich die Steilheit erst beim Downhill so richtig. Trotz starker Motorenbremse beim Wiederaufladen der Batterie (Recup) zeigt der Tacho 43,5 km/h an. Hinter dem Bahnhof Waltensburg über den Rhein, dann gehts wunderbar durch Feld und Wald dem Rhein entlang nach Ilanz, wo ich im Kiosk ein Quöllfrisch poste und nach Einfahrt des Zuges Quölli selbstverlade und retour nach Zürich tuckere.

Addendum, strotzend vor Künstlicher Intelligenz

Während dem Schreiben dieses Beitrags lese ich den interessanten NZZ-Folio-Artikel Der Computer holt uns ein: Maschinen führen Gespräche und erschaffen Bilder – mit dramatischen Folgen über Künstliche Intelligenz, die zwar immer erstaunlich, aber oft auch strohdumm ist. Der Autor liess Teilstücke seines Berichts von GPT-3 schreiben. Mit wirklich erstaunlichen Resultaten, denn Verstand hat die Maschine nicht. Sie sucht einfach in rasendem Tempo wahrscheinliche Folgerichtigkeiten zusammen. Die Texte sind flüssig und schlüssig und von verblüffender Direktheit. Und GPT-3 prophezeit dem Journalisten, ihn bald gar überflüssig zu machen. Oder so. Für KI-Bilder ist DALL-E-2 zuständig. Die folgenden Bilder hat diese – scheinbar doch nicht ganz so intelligente – KI generiert aufgrund der Eingabe:

Laverda-Drescher beim Dreschen eines Feldes mit Bio-Berggerste in Waltensburg 1200 m ü.M. Graubünden.

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